Faktencheck Bierhefe: Brauen Pferde Bier im Darm?
Bierhefe? Bloß nicht!
Kaum ein klassisches Futtermittel ist in Teilen der Pferdewelt inzwischen so in Verruf geraten wie Bierhefe. Sie soll im Darm gären, Alkohol produzieren, Dysbiosen verursachen, Pferde „heiß“ machen – und überhaupt „nichts im Pferd verloren haben“.
Das klingt dramatisch.
Aber stimmt es auch?
Zeit für einen Faktencheck.
Denn bei kaum einem anderen Futtermittel werden Begriffe so munter durcheinandergeworfen wie bei der Hefe. Bierhefe, Brauhefe, Lebendhefe, inaktivierte Hefe – alles Hefe, aber längst nicht dasselbe.
Und genau dieser Unterschied ist entscheidend.
Bierhefe ist nicht gleich Lebendhefe
Die in der Pferdefütterung eingesetzte Bierhefe stammt aus Saccharomyces cerevisiae. Doch allein der Name der Hefespezies sagt noch wenig darüber aus, was das Produkt im Verdauungstrakt macht.
Entscheidend ist vor allem: Ist die Hefe lebendig und stoffwechselaktiv – oder wurde sie inaktiviert?
Lebendhefen enthalten lebensfähige Hefezellen. Sie werden in sehr kleinen Mengen als probiotische Futterzusatzstoffe eingesetzt.
Klassische getrocknete Bierhefe dagegen ist inaktiviert. Die Hefezellen können sich nicht mehr vermehren und sind daher nicht mehr gährfähig. Sie wird als Einzelfuttermittel eingesetzt und liefert unter anderem Protein, Aminosäuren sowie Bestandteile der Hefezellwand.
Schon an dieser Stelle wird klar: Wer über „Hefe im Pferdedarm“ spricht, muss zunächst sagen, über welche Hefe er überhaupt spricht.
Faktencheck 1: Braut das Pferd mit Bierhefe Bier im Bauch?
Eine der spektakulärsten Warnungen lautet, Bierhefe könne sich im Pferdedarm wieder „reaktivieren“, anfangen zu gären und Alkohol bilden.
Das wurde tatsächlich untersucht.
An der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg wurde handelsübliche getrocknete, inaktive Bierhefe in einem künstlichen Dickdarmmodell des Pferdes – dem sogenannten COSITEC-System – untersucht.
Und man machte es der angeblichen Alkoholgärung dabei nicht gerade schwer: Die Bierhefe wurde in supraphysiologischer Dosierung eingesetzt, zusammen mit einer Ration aus Heu und stärkereichem Kraftfutter. Das Ganze wurde über mindestens 14 Tage mit Dickdarminhalt darmgesunder Pferde inkubiert.
Das Ergebnis: Kein Ethanol.
Die Wissenschaftler fanden auch keinen Hinweis darauf, dass die inaktive Bierhefe während der simulierten Darmpassage wieder aktiviert wurde und eine eigene Stoffwechselaktivität entwickelte.
Eine weitere Untersuchung verglich inaktive Bierhefe direkt mit Lebendhefe. Gemessen wurden unter anderem pH-Wert, Gasbildung, kurzkettige Fettsäuren, Laktat und Ethanol.
Auch hier blieb Ethanol bei der inaktiven Bierhefe unterhalb der Nachweisgrenze.
Bei der Lebendhefe dagegen wurde Ethanol nachgewiesen. Im COSITEC-Versuch lag der Mittelwert bei 1,9 mmol/l, die gemessenen Werte reichten von 0 bis 4,6 mmol/l. Diese Alkoholbildung wurde als vernachlässigbar eingestuft. Entscheidend ist aber noch etwas anderes: Hier wurde eine lebende, stoffwechselaktive Hefe eingesetzt. Dass sie unter geeigneten Bedingungen Ethanol bilden kann, ist biologisch nicht überraschend. Und ganz wichtig: Diese Alkoholbildung wurde als vernachlässigbar eingestuft.
Bei der inaktiven Bierhefe dagegen blieb Ethanol unter der Nachweisgrenze – obwohl beide Hefevarianten unter denselben Versuchsbedingungen untersucht wurden. Aus „Bierhefe“ eine Alkoholgärung im Pferdedarm abzuleiten, funktioniert also schon biologisch nicht – und im Versuch ließ sie sich ebenfalls nicht nachweisen.
Faktencheck 2: Verursacht Bierhefe eine Dysbiose?
Auch diese Warnung begegnet einem inzwischen immer wieder.
Bierhefe soll das natürliche Gleichgewicht im Darm stören, bestimmte Mikroorganismen fördern und dadurch eine Dysbiose auslösen.
Nur: Auch dafür lohnt sich der Blick auf das, was tatsächlich untersucht wurde. In den Versuchen mit inaktiver Bierhefe zeigten sich keine Hinweise auf einen Zusammenbruch der Fermentation.
Im Gegenteil: Die Konzentration kurzkettiger Fettsäuren – sogenannter SCFA – lag unter Bierhefe sogar höher als in der Kontrollgruppe.
Besonders interessant war hierbei die Butyratbildung.
In beiden verwendeten In-vitro-Systemen zeigte sich unter Bierhefe eine erhöhte Bildung von n-Butyrat. Butyrat ist eine kurzkettige Fettsäure, die den Zellen der Darmschleimhaut als wichtige Energiequelle dient und damit eine wichtige Rolle für eine stabile Darmbarriere spielt.
Das ist durchaus bemerkenswert.
Denn Butyrat wird heute sogar gezielt als Bestandteil von Ergänzungsfuttermitteln zur Unterstützung des Darms angeboten. Und ausgerechnet die Bierhefe, vor der wegen angeblicher Dysbiose gewarnt wird, führte im Versuch zu einer erhöhten Butyratbildung.
Die Ergebnisse passen damit nicht zu der pauschalen Behauptung, inaktive Bierhefe verursache eine Dysbiose. Im Versuch zeigte sich vielmehr eine erhöhte Bildung kurzkettiger Fettsäuren – darunter Butyrat, das für die Versorgung der Darmschleimhaut eine wichtige Rolle spielt.
Was steckt eigentlich in Bierhefe?
Bei all den Warnungen gerät manchmal fast in Vergessenheit, dass Bierhefe zunächst einmal ein Futtermittel ist.
Und zwar ein ziemlich nährstoffreiches.
Die im Versuch untersuchte inaktive Bierhefe enthielt beispielsweise 47,2 Prozent Rohprotein und hohe Gehalte an essentiellen Aminosäuren.
Die Autoren weisen dabei auf einen wichtigen Unterschied zur Lebendhefe hin: Lebendhefe wird in sehr kleinen Mengen eingesetzt – im beschriebenen Fall mit etwa 2 Gramm pro Pferd und Tag. Inaktive Bierhefe kann dagegen in deutlich größeren Mengen gefüttert werden und trägt damit tatsächlich Nährstoffe zur Gesamtration bei.
Hinzu kommen Bestandteile der Hefezellwand, insbesondere β-Glucane und Mannane beziehungsweise Mannan-Oligosaccharide (MOS), sowie verschiedene B-Vitamine, Peptide und Nukleotide.
Bierhefe ist deshalb nicht einfach ein ominöser „Pilz“, den man dem Darm zuführt.
Bei inaktivierter Bierhefe füttern wir keine sich vermehrende Hefekultur, sondern ein Futtermittel aus inaktivierten Hefezellen und deren Bestandteilen.
Faktencheck 3: Macht Bierhefe Pferde „heiß“?
Auch das hört man erstaunlich häufig: Bierhefe habe viel Energie und mache Pferde deshalb nervös oder „speedig“.
Natürlich liefert Bierhefe Energie. Sie liefert auch Protein.
Entscheidend ist aber wie bei jedem Futtermittel nicht nur der Energiegehalt pro Kilogramm, sondern die tatsächlich gefütterte Menge.
Von einem Futtermittel, das in vergleichsweise kleinen Tagesmengen eingesetzt wird, gelangt entsprechend nur ein begrenzter Anteil in die gesamte Energiebilanz einer Ration. Wer wissen möchte, ob Bierhefe sein Pferd mit relevanten zusätzlichen Energiemengen versorgt, muss deshalb nicht über „heiß“ oder „nicht heiß“ diskutieren.
Man kann es ausrechnen.
Tagesmenge × Energiegehalt.
Und anschließend mit der gesamten Tagesration vergleichen.
Bierhefe mit Treber oder ohne Treber?
Auch hier lohnt sich ein Blick auf den Sack.
Reine Bierhefe und Bierhefe mit Biertreber sind nicht dasselbe Produkt.
Biertreber entsteht beim Brauprozess aus den verbleibenden Bestandteilen des verwendeten Getreides, nachdem ein Teil der löslichen Bestandteile herausgelöst wurde. Ein Produkt aus Bierhefe und Treber bringt deshalb eine andere Nährstoffzusammensetzung mit als reine Bierhefe.
Das macht das eine nicht automatisch besser und das andere nicht automatisch schlechter.
Es bedeutet lediglich: Wer Bierhefe füttert, sollte wissen, was er tatsächlich gekauft hat.
Gerade bei Pferden, deren Rationen hinsichtlich Energie, Protein, Stärke oder anderer Nährstoffe genau kalkuliert werden sollen, lohnt sich deshalb ein Blick auf Deklaration und Analysewerte.
Faktencheck 4: „Hefen gehören überhaupt nicht in den Pferdedarm“
Auch diese Aussage klingt zunächst plausibel, solange man Hefe ausschließlich mit Bierbrauen und Backen verbindet.
Biologisch wird es schwieriger.
Denn Hefen sind Pilze.
Und der Verdauungstrakt des Pferdes beherbergt nicht nur Bakterien. Neben dem bakteriellen Mikrobiom existiert auch ein sogenanntes Mykobiom – die Gemeinschaft der Pilze im Verdauungstrakt.
Hefen sind dabei keine eigene Organismengruppe neben den Pilzen, sondern eine bestimmte Lebens- und Wachstumsform von Pilzen.
Anders gesagt:
Jede Hefe ist ein Pilz. Aber nicht jeder Pilz ist eine Hefe.
Beim Pferd finden sich im Verdauungstrakt außerdem spezialisierte anaerobe Pilze, die am Aufschluss pflanzlicher Fasern beteiligt sein können.
„Pilz im Darm“ bedeutet deshalb ebenso wenig automatisch „krank“ wie „Bakterium im Darm“ automatisch „schlecht“ bedeutet.
Auch die Vorstellung, dass Saccharomyces cerevisiae nach der Fütterung zwangsläufig den Pferdedarm besiedelt und sich dort dauerhaft vermehrt, wird durch Untersuchungen nicht gestützt.
In einer Studie an gesunden Pferden war die Wiederfindungsrate gefütterter Lebendhefe im Kot gering; die Autoren hielten eine dauerhafte Kolonisation und Vermehrung im gesunden Pferdedarm für unwahrscheinlich.
Das macht die Sache nicht einfacher.
Aber genau das ist der Punkt.
Das Mikrobiom ist kein System mit zwei Schaltern: gut und schlecht
Im Pferdedarm leben sehr viele unterschiedliche Mikroorganismen miteinander. Welche davon in welcher Menge vorkommen, welche Stoffwechselprodukte entstehen und welche Populationen sich verändern, hängt stark von den Bedingungen ab.
Vor allem die Fütterung spielt dabei eine enorme Rolle.
Eine stärkereiche Ration kann beispielsweise die mikrobielle Gemeinschaft deutlich verändern: stärkefermentierende und laktatbildende Bakterien können zunehmen, während faserabbauende Populationen zurückgehen. Genau solche Zusammenhänge sind in der Pferdeforschung gut beschrieben.
Deshalb halte ich wenig davon, einzelne Mikroorganismen oder ganze Gruppen pauschal zu „gut“ oder „schlecht“ zu erklären.
Und ebenso wenig davon, aus einer Veränderung des Mikrobioms automatisch eine Dysbiose zu machen.
Das Darmmikrobiom ist ein komplexes Ökosystem. Welche Mikroorganismen dort vorkommen, in welchem Verhältnis sie zueinander stehen, welche Stoffe ihnen zur Verfügung stehen und welche Bedingungen im Verdauungstrakt herrschen, hängt von sehr vielen Faktoren ab.
Genau deshalb wäre ich auch mit der Vorstellung vorsichtig, wir könnten dieses komplexe System mit einem einzelnen Zusatz gezielt in die gewünschte Richtung steuern.
Dafür wirken schlicht zu viele Faktoren gleichzeitig auf das Mikrobiom ein.
Braucht mein Pferd also Bierhefe?
Das ist für mich eine ganz andere Frage. Dieser Faktencheck soll nicht zeigen, dass jedes Pferd Bierhefe braucht.
Er zeigt etwas anderes:
Inaktive Bierhefe beginnt im Pferdedarm nicht plötzlich wieder Bier zu brauen.
In den vorliegenden Versuchen wurde bei inaktiver Bierhefe kein Ethanol nachgewiesen und keine Reaktivierung festgestellt. Gleichzeitig zeigten sich Veränderungen der mikrobiellen Fermentation mit einer erhöhten Bildung kurzkettiger Fettsäuren und insbesondere Butyrat.
Bierhefe liefert darüber hinaus Protein, Aminosäuren und verschiedene Bestandteile der Hefezelle.
Und die bloße Tatsache, dass eine Hefe ein Pilz ist, macht sie nicht zu einem Fremdkörper, vor dem ein Pferdedarm grundsätzlich geschützt werden müsste.
Ob Bierhefe in eine bestimmte Ration passt, hängt vom Pferd, vom Produkt, von der übrigen Fütterung und vom Ziel der Fütterung ab.
Wie so oft lohnt es sich deshalb, erst einmal auf die Grundlagen zu schauen:
- Passt das Grundfutter?
- Sind die Fresszeiten pferdegerecht?
- Ist genügend Struktur vorhanden?
- Wie sieht die Mineralstoff- und Eiweißversorgung aus?
- Und was möchte ich mit einem zusätzlichen Futtermittel überhaupt erreichen?
Bierhefe ist weder Wundermittel noch Schreckgespenst.
Sie ist zunächst einmal ein Futtermittel.
Und bevor wir ihr Wirkungen oder Gefahren zuschreiben, lohnt sich etwas, das in der Pferdefütterung manchmal erstaunlich kurz kommt:
nachschauen, was tatsächlich untersucht wurde.
Und genau das habe ich mit diesem Faktencheck gemacht.
Wenn du noch tiefer in das Thema eintauchen willst, dann findest du hier interessante Quellen:
- Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Institut für Agrar- und Ernährungswissenschaften, Prof. Dr. Annette Zeyner (2023): Untersuchungen zu Effekten von Hefe auf Verdauung und Fermentation im semikontinuierlichen in vitro-System COSITEC mit Darminhalt vom Pferd als Inokulum – Ergebnis zur Ethanolbildung und möglichen Reaktivierung.
- Rakebrandt, M. / Leiber GmbH (2024): Fermentationsleistung von Bierhefe im Vergleich zur Lebendhefe. Die zugrunde liegenden COSITEC-Daten wurden im Rahmen eines Versuchsvorhabens mit der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg erhoben.
- Hambuch, C.; Pisch, C.; Bachmann, M.; Richardt, W.; Zeyner, A. (2024): Impact of a probiotic strain of Saccharomyces cerevisiae vs. inactivated brewer’s yeast added to a high starch diet on microbial fermentation products in vitro (Cositec). Poster Session, GfE-Jahrestagung 2024.
- Perricone, V. et al. (2022): The Role of Yeast Saccharomyces cerevisiae in Supporting Gut Health in Horses: An Updated Review on Its Effects on Digestibility and Intestinal and Fecal Microbiota. Animals 12(24):3475.
- Langner, K.; Vervuert, I. (2019): Impact of nutrition and probiotics on the equine microbiota: current scientific knowledge and legal regulations. Pferdeheilkunde/Thieme.
- Mackenthun, E.; Coenen, M.; Vervuert, I. (2013): Effects of Saccharomyces cerevisiae supplementation on apparent total tract digestibility of nutrients and fermentation profile in healthy horses. Journal of Animal Physiology and Animal Nutrition.
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