Heu durch Stroh ersetzen? Was Pferdehalter bei Heuknappheit wissen sollten
In diesem Artikel:
- Ist 2026 nur ein schwieriges Jahr – oder sollten wir die Abhängigkeit von Heu als alleinigem Raufutter überdenken?
- 24/7 Heu? Ist es Zeit, die Perspektive zu wechseln?
- Umstellungsstrategien: Wie man Pferde an Stroh gewöhnen kann - und wie schnell das gehen darf?
- Strohbetonte Rationen richtig ergänzen: Protein, Calcium-Phosphor-Verhältnis und Mineralfutter
Ist 2026 nur ein schwieriges Jahr – oder sollten wir die Abhängigkeit von Heu als alleinigem Raufutter überdenken?
Die Heuernte 2026 ist in Teilen Deutschlands teilweise sehr schlecht ausgefallen. Trockenheit und Hitze haben regional zu erheblichen Ertragseinbußen auf Grünland geführt. In einigen Gebieten werden bereits Wintervorräte verfüttert, zusätzliches Futter zugekauft oder andere Flächen für die Futtergewinnung genutzt.
Und genau darum beginnen viele, über die Heuernte 2026 hinauszudenken. Denn die Sommer werden tendenziell trockener und wie die Heuernte 2027 oder 2028 aussehen wird, kann heute niemand vorhersagen.
Ein guter Zeitpunkt, um die Abhängigkeit von Heu als alleinigem Raufutter zu überdenken?
Ein Blick über die Landesgrenzen zeigt, dass Pferdefütterung auch ganz anders funktionieren kann. Gerade in südlichen Ländern wie Spanien, wo die klimatischen Bedingungen andere sind und hochwertiges Heu nicht überall selbstverständlich zur Verfügung steht, sind Stroh und andere Raufutterkomponenten nie flächendeckend aus der Pferdefütterung verschwunden, sondern bis heute selbstverständlicher Bestandteil vieler Fütterungskonzepte geblieben.
Ich selbst lebe seit rund 20 Jahren auf Mallorca. Stroh und andere Raufutter wie ungedroschenes Getreidestroh und Luzerne waren hier immer selbstverständliche Raufuttersorten, während Heu erst in den letzten Jahren als Importware dazukam.
Meinen eigenen Pferden steht Stroh in großen Raufen rund um die Uhr zur Verfügung. Nährstoff- und insbesondere proteinreichere Futtermittel wie Heu und Luzerne werden gezielt dazugefüttert.
Damit kehrt sich das in Deutschland verbreitete Prinzip teilweise sogar um:
Nicht Heu steht rund um die Uhr zur Verfügung und etwas Stroh wird ergänzt – sondern Stroh bildet die dauerhafte Raufutterbasis, die durch hochwertigere Komponenten ergänzt wird.
24/7 Heu? Ist es Zeit, die Perspektive zu wechseln?
Zunächst einmal: Heu ist ein hervorragendes Pferdefutter. Es liefert Struktur, Energie, Protein und zahlreiche weitere Nährstoffe. Aber – und das dringt langsam wieder stärker ins Bewusstsein vieler Pferdehalter – nicht jedes Pferd profitiert von einer unlimitierten Aufnahme von Heu.
Das einstige Steppentier ist an eine strukturreiche, vielfältige und häufig eher nährstoffarme Nahrung angepasst. 24/7 Raufutter kann deshalb durchaus sinnvoll sein – 24/7 Heu ist aber nicht automatisch für jedes Pferd die beste Lösung.
Die aktuelle Heusituation führt nun dazu, dass sich viele Pferdehalter einem Raufutter wieder öffnen, das in den vergangenen Jahren teilweise fast zum Tabu geworden ist: Stroh.
Vielleicht liegt darin neben allen Problemen der Heuernte 2026 auch eine Chance: Stroh wieder als das zu betrachten, was es sein kann – ein wertvoller Bestandteil einer sinnvoll zusammengestellten Pferderation.
Wenn gutes Heu fehlt, kann Stroh einen Teil der Raufutterversorgung übernehmen.
Gerade in der aktuellen Situation kann gutes Futterstroh deshalb eine echte Alternative sein. Denn wenn Heu nur begrenzt verfügbar ist oder aufgrund später Ernte eine geringe Futterqualität aufweist, kann es sinnvoll sein, einen Teil der Raufutterversorgung gezielt über gutes Stroh abzudecken.
Dabei muss man beachten, dass Stroh hier nicht die Nährstoffe liefert, die im Heu fehlen.
Aber Stroh kann einen Teil der strukturreichen Raufutterversorgung übernehmen, ergänzt durch proteinreiches Heu, Luzerne oder Esparsette.
In dieser Kombination muss man nicht mehr versuchen, mit einem einzigen Futtermittel gleichzeitig alle Anforderungen zu erfüllen. Der Fokus liegt vielmehr auf der Gesamtfuttermenge und der Zusammensetzung der gesamten Ration, die dem Pferd zur Verfügung steht.
Und damit verändert sich die Fragestellung.
Nicht mehr: Wie ersetze ich fehlendes Heu?
Sondern: Wie kombiniere ich die verfügbaren Futtermittel so, dass daraus eine passende Gesamtration entsteht?
Für viele Pferde bringt das energieärmere Stroh dabei einen weiteren Vorteil mit sich: längere Fresszeiten bei geringerer Energiedichte.
Genau dieses Fütterungsmodell kenne ich seit vielen Jahren. Ich habe darüber sogar ein Buch geschrieben:
„Keine Angst vor Stroh – das vergessene Gold der Pferdefütterung“
Umstellungsstrategien: Wie man Pferde an Stroh gewöhnen kann - und wie schnell das gehen darf?
Wer bisher überwiegend oder ausschließlich Heu gefüttert hat, sollte größere Strohmengen nicht grundsätzlich von heute auf morgen in die Ration aufnehmen. Stroh ist stärker verholzt und schwerer verdaulich als Heu. Gerade Pferde, die lange kaum Stroh gefressen haben oder deren Verdauung empfindlich reagiert, profitieren deshalb von einer langsamen Gewöhnung.
Wie langsam diese Umstellung erfolgen muss, lässt sich allerdings nicht pauschal sagen.
Ein gesundes Pferd mit einer stabilen Verdauung, das unterschiedliche Raufutter gewohnt ist und vielleicht ohnehin gelegentlich Stroh frisst, kann sich unter Umständen sehr schnell auf einen höheren Strohanteil einstellen. Bei einem empfindlichen Pferd, einem Senior, einem Pferd mit Zahnproblemen oder einem Tier, das über Jahre ausschließlich weiches Heu bekommen hat, würde ich wesentlich vorsichtiger vorgehen.
Vier Möglichkeiten für die Umstellung
- Heu und Stroh zunächst mischen. So bleibt das gewohnte Raufutter erhalten, während das Pferd zunehmend Stroh aufnimmt.
- Stroh zusätzlich anbieten. Das Pferd bekommt zunächst seine gewohnte Heuration und hat daneben gutes Futterstroh zur Verfügung. Frisst und verträgt es dieses gut, kann die Ration anschließend schrittweise angepasst werden.
- Auf der Weide oder dem Paddock ergänzen. Gerade wenn Pferde noch Zugang zu einer bereits abgefressenen oder nährstoffarmen Weide haben, kann Stroh zunächst zusätzlich angeboten werden. Das Pferd nimmt weiterhin unterschiedliche Pflanzenfasern auf und kann sich nach und nach an das Stroh gewöhnen.
- Bei stroherfahrenen Pferden kann man die Strohmenge meist einfacher erhöhen. Ein Pferd, das ohnehin regelmäßig Stroh frisst und damit problemlos zurechtkommt, muss nicht künstlich über Wochen an größere Mengen herangeführt werden.
Wichtiger als ein festgelegter Umstellungsplan ist deshalb die Beobachtung des einzelnen Pferdes: Wie gerne frisst es das Stroh? Wie gut kaut es? Bleiben Pferdeäppel und Verdauung unauffällig? Trinkt es ausreichend? Und wie entwickelt sich sein Allgemeinzustand?
Nicht jedes Pferd braucht dieselbe Gewöhnungszeit. Entscheidend ist, die Umstellung an das Pferd anzupassen – und nicht das Pferd an einen starren Fütterungsplan.
Unterstützung bei der Umstellung. Gerne begleite ich dich im Rahmen einer Fütterungsberatung dabei und entwickle mit dir eine passende Strategie für dein Pferd und die Raufutter, die dir tatsächlich zur Verfügung stehen. [Kontakt per E-Mail oder WhatsApp]
Strohbetonte Rationen: Was muss ergänzt werden?
Je größer der Strohanteil in der Ration wird, desto wichtiger ist es, nicht mehr einzelne Futtermittel, sondern die Gesamtration zu betrachten. Denn Stroh kann hervorragend Struktur liefern und längere Fresszeiten ermöglichen – die Nährstoffe, die mit weniger Heu wegfallen, ersetzt es jedoch nicht automatisch.
Protein und Aminosäuren im Blick behalten
Besonders wichtig ist die Proteinversorgung. Das gilt umso mehr, wenn das noch vorhandene Heu spät geerntet wurde und selbst nur geringe Proteingehalte aufweist.
Hier können proteinreichere Futtermittel gezielt ergänzen. Luzerne beziehungsweise Luzerneheu eignet sich aufgrund seines höheren Proteingehalts besonders gut. Je nach Pferd und Ration kann auch Esparsette eine interessante Alternative sein.
Damit lässt sich die Aufgabe der einzelnen Raufutterkomponenten bewusst aufteilen: Stroh übernimmt einen Teil der strukturreichen Raufutterversorgung, während Heu, Luzerne oder andere geeignete Futtermittel gezielt Nährstoffe und insbesondere Protein beziehungsweise essenzielle Aminosäuren liefern.
Bei viel Stroh auch das Calcium-Phosphor-Verhältnis beachten
Mit zunehmendem Strohanteil sollte außerdem das Calcium-Phosphor-Verhältnis der Gesamtration überprüft werden. Stroh liefert vergleichsweise wenig Phosphor. Wird zusätzlich viel calciumreiche Luzerne gefüttert und gleichzeitig der Heuanteil reduziert, kann sich das Verhältnis weiter in Richtung Calcium verschieben.
Das bedeutet nicht, dass Stroh und Luzerne keine gute Kombination sind – im Gegenteil. Gerade aufgrund ihrer sehr unterschiedlichen Eigenschaften können sie sich hervorragend ergänzen.
Aber eine strohbetonte Ration sollte gezielt mineralisiert und an die tatsächlich verwendeten Raufutter angepasst werden.
Mineralfutter bei strohbetonten Rationen
Genau diese Art der Raufutterfütterung war auch ein Ausgangspunkt bei der Entwicklung unseres eigenen Mineralfutters.
In Spanien arbeiten wir häufig mit Rationen, die größere Mengen Stroh, Garba oder andere eher nährstoffarme Raufutter enthalten und mit Heu, Luzerne oder weiteren Komponenten ergänzt werden.
Deshalb haben wir bei der Rezeptur unter anderem bewusst auf zugesetztes Calcium verzichtet und einen Phosphorgehalt von 2 % gewählt. Das macht die Zusammensetzung gerade für viele Rationen mit höheren Strohanteilen beziehungsweise Kombinationen aus Stroh, Heu und Luzerne interessant.
Natürlich gilt auch hier: Ein Mineralfutter sollte immer zur Gesamtration passen. Gerade bei deutlich veränderten Raufutteranteilen lohnt es sich deshalb, nicht nur die einzelnen Futtermittel, sondern deren Zusammenspiel zu betrachten.
[Mehr über unser Mineralfutter]
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