Aktenzeichen STROH - Schuldig gesprochen. Ohne Prozess
Zeit für die Strafverteidigung.
Die Anklageschrift ist lang.
- Stroh ist wertlos.
- Stroh ist unverdaulich.
- Stroh enthält viel zu viel Lignin.
- Stroh ist zu staubig.
- Stroh macht Koliken.
- Stroh macht dicke Bäuche.
- Stroh? Höchstens als Einstreu. Und selbst das mit Vorsicht.
Und das Urteil? Wurde das nicht irgendwann mit der Einführung von 24/7 Heu gefällt?
Aber hatte Stroh eigentlich jemals einen Anwalt?
Ich übernehme den Fall.
Weil ich lange Zeit Pferde in einer Fütterungsrealität OHNE verfügbares Heu ernährt habe. Mit Stroh, der ganzen Haferpflanze, Luzerne…
Und weil ich die Anklagepunkte nicht teile.
Meine Erfahrung und auch die Geschichte der Pferdefütterung zeigen bis in die Antike zurück, dass STROH IMMER ein Pferdefutter war und ist.
Darum lasst uns in die Beweisaufnahme gehen.
Denn bevor wir Stroh wegen seines Ligningehalts verurteilen, könnten wir zum Beispiel einmal fragen: Wie viel Lignin steckt eigentlich im Heu?
Bevor wir Stroh als nährstoffarm abtun: Wie stark schwanken die Nährstoffgehalte verschiedener Heue?
Und bevor wir über die Nachteile von Stroh sprechen: Was ist eigentlich mit Zucker und Fruktan im Heu?
Darum: Lasst uns loslegen.
Anklagepunkt 1: Lignin
Wenn über Stroh gesprochen wird, fällt ziemlich schnell das Wort Lignin. Man könnte fast meinen, ein Strohhalm bestünde hauptsächlich daraus.
Tut er aber nicht.
Schauen wir einmal hinein:
- Cellulose: Davon steckt sehr viel im Stroh. Und Cellulose ist im Gegensatz zu Lignin fermentierbar. Das Pferd besitzt selbst keine Cellulasen, seine Mikroorganismen im Dickdarm übernehmen diese Arbeit. Dabei entstehen kurzkettige Fettsäuren, die das Pferd energetisch nutzen kann. Das ist ein wesentlicher Wert des Strohs.
- Hemicellulose: Ebenfalls ein großer Bestandteil des Strohs und grundsätzlich mikrobiell fermentierbar. Stroh ist also keineswegs einfach „unverdaulicher Ballast“.
- Lignin: Ja, auch davon enthält Stroh einiges. Lignin ist für das Pferd kaum verwertbar und begrenzt zudem die Zugänglichkeit der anderen Zellwandbestandteile. Aber wie viel Lignin steckt tatsächlich im Stroh? Und wie viel steckt eigentlich im Heu? Dazu kommen wir gleich noch.
- Eiweiß: Hier müssen wir nichts schönreden. Getreidestroh enthält typischerweise nur wenige Prozent Rohprotein. Auch die Proteinverdaulichkeit von Stroh ist deutlich geringer. Bei stark ausgereiften, faserreichen Pflanzenmaterialien ist ein größerer Teil des Proteins an bzw. in Zellwandfraktionen gebunden und damit schlechter zugänglich. Hohe Gehalte an Zellwandbestandteilen und insbesondere Lignifizierung können die Proteinverdaulichkeit bzw. -verfügbarkeit vermindern. Wer Stroh füttert, muss die Eiweißversorgung also an anderer Stelle sicherstellen.
- Energie: Stroh liefert durchaus Energie – über die mikrobielle Fermentation seiner verwertbaren Faser. Aber weniger als viele Heue.
Und genau das kann je nach Pferd und Gesamtration durchaus interessant sein.
Und jetzt drehen wir die Frage einmal um:
Was steckt eigentlich in Heu?
Darauf gibt es keine einheintliche Antwort.
Je nach Gräserbestand, Boden, Düngung, Wetter, Schnittzeitpunkt und Vegetationsstadium können sich Heue erheblich unterscheiden.
- Beim Eiweiß.
- Beim Zucker.
- Beim Fruktan.
- Bei Mineralstoffen und Spurenelementen.
- Und JA, auch bei den Zellwandbestandteilen und der Lignifizierung.
Ein frühes, blattreiches Heu kann ernährungsphysiologisch sehr weit von Stroh entfernt sein.
Ein spätes, stark lignifiziertes Heu mit wenig Protein kann ihm dagegen erstaunlich nahekommen.
Nur sieht man das dem Heuballen nicht unbedingt an.
Und genau deshalb möchte ich im nächsten Schritt einmal ein paar Zahlen nebeneinanderlegen.
Lasst uns HEU und STROH mal auseinandernehmen. Wie groß sind die Unterschiede wirklich?
Schauen wir uns ein paar Zahlen an.
- Deutsches Heu enthielt in den LUFA-Analysen 2025 durchschnittlich 7,6 Prozent Rohprotein.
- Haferstroh kommt im Mittel nur auf rund 3,6 Prozent. Beim Eiweiß ist die Sache also ziemlich eindeutig: Stroh ist eiweißarm.
Beim Zucker sieht das Bild anders aus. Die 1.187 untersuchten Heuproben enthielten durchschnittlich 10,6 Prozent Gesamtzucker. Einzelne Proben lagen bei bis zu 17,3 Prozent. Beim Fruktan waren es durchschnittlich 6,7 Prozent, mit einer Spannweite von 2,7 bis 10,9 Prozent.
Stärke spielt dagegen bereits im Heu eine wesentlich kleinere Rolle. Der LUFA-Mittelwert lag bei 0,3 Prozent, wobei hierfür deutlich weniger Proben untersucht wurden.
Und jetzt kommen wir zum Lignin.
Genau zu dem Stoff, der beim Stroh so häufig als Argument gegen seine Verfütterung genannt wird.
- Haferstroh enthält in der Feedipedia-Datensammlung durchschnittlich rund 6,6 Prozent Lignin in der Trockensubstanz.
Aber auch hier lohnt sich ein Blick aufs Heu.
- In einer wissenschaftlichen Untersuchung verschiedener Pferderaufutter wurde bei einem Wiesenheu sogar ein Ligningehalt (ADL) von 7,91 Prozent gemessen. Das in derselben Untersuchung analysierte Weizenstroh lag mit 11,26 Prozent allerdings noch deutlich darüber.
Und JA, in der Regel ist Stroh stärker lignifiziert als Heu. Aber die Werte können sich überschneiden. Das untersuchte Wiesenheu lag mit seinen 7,91 Prozent beispielsweise über dem durchschnittlichen Ligningehalt des Haferstrohs aus der Feedipedia-Datensammlung.
FAZIT: Heu ist also keinesfalls grundsätzlich ligninarm.
Und nicht nur beim Lignin können die Unterschiede erheblich sein.
Auch die LUFA-Zahlen zeigen, wie groß die Unterschiede bei verschiedenen Heuen auch bei Zucker, Fruktan und Eiweiß sein können:
- Beim Rohprotein reichten die Werte 2025 von 4,2 bis 13,3 Prozent
- beim Gesamtzucker von 4,8 bis 17,3 Prozent und
- beim Fruktan von 2,7 bis 10,9 Prozent.
„Heu“ ist also erst einmal nur die Bezeichnung für ein Futtermittel. Was tatsächlich darin steckt, weiß ich erst, wenn ich es untersuchen lasse.
Quellen:
LUFA Nord-West, Auswertung Pferdeheu 2025, 1.187 Heuproben.
Feedipedia, Oat straw: Analysedaten zu Rohprotein und Lignin.
Comparison of forages’ digestion levels for different in vitro digestion techniques in horses: Wiesenheu 7,91 % ADL, Weizenstroh 11,26 % ADL.
Zwischenfazit: Lignin ist praktisch unverdaulich. Das stimmt.
Mit zunehmender Verholzung lagert die Pflanze mehr Lignin in ihre Zellwände ein. Dadurch werden auch andere Faserbestandteile für die Mikroorganismen schlechter zugänglich.
Die Verdaulichkeit sinkt.
Das ist einer der Gründe, weshalb Stroh weniger Energie liefert als gutes Heu.
Und genau das kann bei Pferden interessant sein, die mit einer reinen Heufütterung mehr Energie aufnehmen, als sie eigentlich benötigen.
Denn dann kann ein Teil des Heus durch geeignetes Stroh ersetzt werden. Die Energiedichte der Ration sinkt – aber das Pferd hat weiterhin etwas zu fressen und zu kauen.
Das finde ich gerade bei Pferden wichtig, die abnehmen sollen oder ihr Gewicht halten müssen. Denn weniger Energie muss nicht automatisch bedeuten: weniger Zeit mit Fressen verbringen.
Ist die berechnete Heuration aufgefressen, kann sauberes, hygienisch einwandfreies Futterstroh weiterhin zum Knabbern zur Verfügung stehen. Und wir sprechen hier bewusst von Futterstroh – nicht von verschmutzter oder bereits als Einstreu benutzter Streu.
Eigentlich ist auch das nichts Neues.
Stroh war über Jahrhunderte nicht nur Einstreu, sondern Bestandteil der Pferdefütterung.
Pferde bekamen ihre Heurationen und konnten daneben Stroh aufnehmen.
Gerade für leichtfuttrige Pferde liegt darin eine interessante Eigenschaft des Strohs:
- mehr Raufutter und Beschäftigung bei geringerer Energiedichte der Gesamtration.
Darum gehen wir jetzt noch die weiteren Anklagepunkte an:
Anklagepunkt 2: Stroh verursacht Magengeschwüre
Tatsächlich gibt es eine Studie aus dem Jahr 2009, die häufig im Zusammenhang mit Stroh und Magengeschwüren zitiert wird. Luthersson und Kollegen untersuchten 201 Pferde aus 23 dänischen Ställen und fanden dabei tatsächlich einen Zusammenhang zwischen Magengeschwüren und Stroh als einzig verfügbarer Raufutterquelle.
Interessanterweise war Stroh aber nicht der einzige gefundene Risikofaktor.
Auch eine hohe Stärkeaufnahme und fehlender Zugang zu Wasser auf dem Paddock waren mit einem erhöhten Risiko verbunden. Ein Befund, den man ernst nehmen muss. Es war allerdings kein kontrollierter Fütterungsversuch, sondern eine Beobachtungsstudie.
Sie kann also einen Zusammenhang zeigen, aber nicht beweisen, dass das Stroh die Magengeschwüre verursacht hat.
Und vor allem:
Stroh als einziges Raufutter ist nicht dasselbe wie Stroh als Bestandteil einer Ration.
Und genau das wurde später in einer kontrollierten Studie untersucht.
Jansson und Kollegen ließen sechs Pferde jeweils drei Wochen lang entweder eine reine Grasraufutterration oder eine Ration fressen, bei der 50 Prozent des Raufutters durch hygienisch einwandfreies Weizenstroh ersetzt wurden.
Vor und nach jeder Fütterungsperiode wurden die Mägen gastroskopiert.
Das Ergebnis: Die Magengesundheit verschlechterte sich unter der Strohration nicht.
Weder im drüsenlosen noch im drüsenhaltigen Bereich des Magens nahmen die Magengeschwüre zu.
Gleichzeitig fraßen die Pferde länger und zeigten niedrigere Insulinreaktionen.
Anklagepunkt 3: Stroh macht Koliken
Das ist wahrscheinlich einer der hartnäckigsten Vorwürfe gegen Stroh.
Und ganz aus der Luft gegriffen ist er nicht. Stroh ist stärker lignifiziert und weniger verdaulich als viele Heue. Werden plötzlich große Mengen davon aufgenommen, insbesondere von einem Pferd, das vorher kaum Zugang zu Raufutter hatte, kann das Risiko einer Verstopfungskolik steigen.
Aber daraus wird sehr schnell der Satz: „Stroh macht Koliken.“
Und so eindeutig ist die wissenschaftliche Datenlage nicht.
Kolik ist keine einzelne Erkrankung, sondern ein Sammelbegriff für Bauchschmerzen ganz unterschiedlicher Ursache.
Eine systematische Auswertung von 52 Studien zu Kolikrisikofaktoren zeigt vor allem, wie viele Faktoren dabei zusammenspielen.
- Immer wieder gefunden wurden beispielsweise Veränderungen in Fütterung und Management.
- Auch Veränderungen des Heus beziehungsweise der Raufutterversorgung wurden mit einem erhöhten Kolikrisiko in Verbindung gebracht.
- Stroh wurde dagegen nicht als allgemeiner Kolikverursacher identifiziert.
Besonders interessant ist eine Fall-Kontroll-Studie, die sich gezielt mit einfachen Verstopfungen und Aufgasungen des Dickdarms beschäftigte – also genau mit Erkrankungen, die häufig gemeint sind, wenn vor Stroh gewarnt wird.
- Als Risikofaktoren fanden die Forscher unter anderem 24-stündige Stallhaltung,
- Veränderungen des Bewegungsprogramms, Transport und Koppen beziehungsweise Windsaugen.
- In einem weiteren statistischen Modell spielten auch vorausgegangene Koliken und seltenere Zahnkontrollen eine Rolle.
Stroh wurde in dieser Untersuchung nicht als unabhängiger Risikofaktor identifiziert.
Und es wird noch interessanter.
In einer weiteren Untersuchung zu Ileumimpaktionen, also Verstopfungen des letzten Abschnitts des Dünndarms, war ausgerechnet die Fütterung eines bestimmten Heus – Coastal-Bermuda-Heu – mit einem erhöhten Risiko verbunden.
Das macht dieses Heu natürlich nicht grundsätzlich zu einem „Kolikfutter“.
Es zeigt aber sehr schön, wie problematisch der Umkehrschluss „Heu ist sicher, Stroh macht Verstopfungskoliken“ ist.
Denn bei einer Verstopfung spielen neben den Eigenschaften des Raufutters zahlreiche weitere Faktoren eine Rolle:
- Wasseraufnahme, Bewegung, Kauvermögen, Haltung, Futterwechsel und die bisherige Fütterung.
Und genau hier findet sich auch eine nachvollziehbare Warnung vor Stroh:
Wird einem Pferd, das vorher kaum oder gar keinen Zugang zu Raufutter hatte, plötzlich Stroh zur freien Verfügung gestellt, kann die Aufnahme großer Mengen das Risiko einer Impaktionskolik erhöhen.
Das ist etwas völlig anderes als eine langsam eingeführte, berechnete Strohmenge als Bestandteil einer Raufutterration.
Und dann wäre da noch die 30 Prozent-Grenze
Wenn wir über Koliken und Stroh sprechen, begegnet uns ziemlich schnell die nächste Regel:
Mehr als 30 Prozent Stroh sollte ein Pferd nicht bekommen.
Aber woher kommen diese 30 Prozent eigentlich?
Eine experimentell ermittelte Grenze, bei der bis 30 Prozent alles in Ordnung ist und oberhalb davon plötzlich das Risiko für Koliken oder andere Verdauungsprobleme ansteigt, konnte ich in der wissenschaftlichen Literatur nicht finden.
Im Gegenteil: In verschiedenen Fütterungsversuchen wurden deutlich höhere Strohmengen eingesetzt.
Hansen und Kollegen untersuchten bereits 1992 eine Raufutterration aus 50 Prozent Weizenstroh und 50 Prozent Luzerne.
Erwartungsgemäß war die Verdaulichkeit geringer als bei reiner Luzerne. Die Autoren kamen dennoch zu dem Ergebnis, dass Weizenstroh in einer Größenordnung von 50 Prozent der Raufutterration von den Pferden akzeptiert werden kann.
Noch weiter gingen Cuddeford und Kollegen. Sie untersuchten Rationen aus Luzerne und Haferstroh mit 0, 33, 67 und 100 Prozent Haferstroh bei verschiedenen Equiden.
Mit zunehmendem Strohanteil sank erwartungsgemäß die Verdaulichkeit.
Eine besondere Grenze bei 30 Prozent zeigte sich dabei aber nicht.
Und in der bereits erwähnten neueren Untersuchung von Jansson und Kollegen erhielten Pferde 50 Prozent Weizenstroh und 50 Prozent Heulage.
Auch dort traten während des dreiwöchigen Versuchs keine Hinweise darauf auf, dass diese Strohmenge zu Verdauungsproblemen führte.
Gleichzeitig verschlechterte sich auch die Magengesundheit nicht.
Damit ist nicht bewiesen, dass jedes Pferd dauerhaft 50 oder gar 67 Prozent Stroh bekommen sollte.
Aber die Studien zeigen ziemlich deutlich, dass 30 Prozent keine erkennbare physiologische Grenze darstellen, oberhalb derer eine Strohration plötzlich nicht mehr funktioniert.
Hier lohnt sich noch ein Blick über den Tellerrand.
Die Vorstellung, dass die Raufutterversorgung eines Pferdes selbstverständlich hauptsächlich aus Heu bestehen muss, ist stark von Regionen geprägt, in denen sich Gras konservieren und als Heu in ausreichender Menge produzieren lässt.
In trockenen Regionen sieht und sah die Fütterungsrealität teilweise ganz anders aus.
Auch im Mittelmeerraum wurden Pferde und andere Equiden traditionell mit den Futtermitteln ernährt, die vor Ort verfügbar waren: Getreidestroh und Getreide, aber auch Luzerne, Esparsette und andere Leguminosen spielten dabei eine wichtige Rolle.
Auf den Balearen lässt sich diese Realität bis heute beobachten. Ein großer Teil des angebotenen Heus kommt inzwischen als Importware auf die Inseln. Moderne Transportwege machen damit eine Fütterung möglich, die es historisch in dieser Form gar nicht gab.
Und genau deshalb finde ich die Frage spannend:
Ist eine bestimmte Prozentzahl tatsächlich eine biologische Grenze des Pferdes – oder ist sie eine Fütterungsempfehlung, die innerhalb eines bestimmten Fütterungssystems entstanden ist?
Die vorhandenen Untersuchungen mit höheren Strohanteilen liefern zumindest genügend Anlass, diese 30-Prozent-Grenze nicht einfach als Naturgesetz zu behandeln. Wer tiefer einsteigen möchte: Zur Anpassung des Mikrobioms, zur schrittweisen Gewöhnung an Stroh und zu praktischen Strategien für den Einsatz von Stroh gibt es hier bereits eigene Beiträge. Die verlinke ich euch unter diesem Artikel.
Anklagepunkt 4: Staub
„Stroh ist staubig.“
Dann machen wir einen sehr einfachen Versuch.
Wir nehmen gutes Stroh und schütteln es auf.
Und anschließend nehmen wir trockenes Heu und machen dasselbe.
Denn Staub ist keine exklusive Eigenschaft von Stroh. Es ist ein Qualitätsmerkmal. Ich habe meist sogar praktisch völlig staubfreies Stroh.
Trockenes Pflanzenmaterial kann Staub, feine Pflanzenpartikel, Pilzsporen und andere lungengängige Bestandteile freisetzen. Wie stark, hängt unter anderem von Ernte, Trocknung, Lagerung und hygienischer Qualität ab.
Genau deshalb reagieren manche Atemwegspferde auf Stroh oder auch auf Heulage besser als auf trockenes Heu: Die höhere Feuchtigkeit bindet einen Teil der Partikel.
Die entscheidende Frage lautet also auch hier nicht:
Heu oder Stroh?
Sondern zunächst: Welche hygienische Qualität liegt vor?
Und jetzt nehmen wir Heu ins Kreuzverhör
Heu hat einen gewaltigen Vorteil gegenüber Stroh:
Es ist Heu. Und damit hat es den Vertrauensvorschuss eigentlich schon gewonnen.
Bei Stroh reicht dagegen ein Blick auf den Halm und schon stehen Lignin, Kolik, Magengeschwüre und Staub im Raum.
Also wechseln wir für einen Moment die Rollen. Denn auch beim Heu lohnt es sich, genauer hinzusehen.
Da wäre zunächst einmal die Frage, was da eigentlich wächst.
Heu ist schließlich keine Pflanzenart. Und längst nicht jeder Bestand, der später als Pferdeheu im Ballen landet, ist die viel beschworene artenreiche Pferdewiese.
Weidelgräser und Festuca-Arten sind aus der modernen Grünlandwirtschaft kaum wegzudenken.
Darunter finden sich Sorten und Bestände, die für hohe Erträge, Widerstandsfähigkeit oder Trockenheitstoleranz interessant sind – aber nicht unbedingt mit Blick auf die Pferdefütterung ausgewählt wurden. Bei bestimmten Gräsern kommt noch die mögliche Endophytenproblematik hinzu.
Dann hätten wir die unerwünschten Gäste.
Jakobskreuzkraut dürfte inzwischen fast jeder Pferdehalter kennen. Auf der Weide wird es normalerweise gemieden. Im Heu sieht die Sache anders aus. Getrocknet verliert die Pflanze ihre abschreckenden Eigenschaften, ihre Pyrrolizidinalkaloide aber nicht.
Und dann hätten wir Zucker und Fruktan.
Da müssen wir gar nicht theoretisieren. Unsere 1.187 LUFA-Heuproben haben bereits gezeigt, was unter dem schlichten Namen „Heu“ alles im Stall landen kann:
- 4,8 bis 17,3 Prozent Gesamtzucker.
- 2,7 bis 10,9 Prozent Fruktan.
Das ist keine kleine Schwankungsbreite.
Und dann kommt noch das Wetter dazu.
- Heiße, trockene Sommer, Trockenstress, Wachstumsstopps und wieder einsetzendes Wachstum verändern die Pflanze.
- Dazu kommen Schnittzeitpunkt und Reifegrad. Früh geschnittenes, blattreiches Heu kann ein völlig anderes Futtermittel sein als ein spät geernteter, bereits stark verholzter Bestand.
Und selbstverständlich kann auch Heu stauben, schimmeln, Pilzsporen enthalten oder bei Ernte und Lagerung hygienisch entgleisen.
Kurz gesagt: Heu ist eine ziemliche Wundertüte.
Man kann hervorragendes Heu haben.
Man kann aber auch einen Ballen vor sich haben, dessen Gräserbestand man nicht kennt, dessen Zucker- und Fruktangehalt man nicht kennt, dessen Ligningehalt man nicht kennt und bei dem man ohne Analyse letztlich nur eines ganz sicher weiß:
Es ist Heu.
Und jetzt stellen wir unser Stroh daneben.
- Ja, Stroh ist eiweißarm. Das wissen wir.
- Ja, es liefert wenig Energie. Das wissen wir auch.
- Und ja, es ist in der Regel stärker lignifiziert als Heu. Auch keine Überraschung.
Nur sind genau diese vermeintlichen Schwächen plötzlich erstaunlich praktisch, wenn man weiß, womit man es zu tun hat.
- Zu wenig Eiweiß? Dann muss die Eiweißversorgung der Gesamtration angepasst werden.
- Wenig Energie? Bei einem leichtfuttrigen Pferd möglicherweise genau das, was ich gesucht habe.
- Mehr Lignin und damit geringere Verdaulichkeit? Einer der Gründe, warum ich einen Teil des Heus durch Stroh ersetzen kann, wenn ich die Energiedichte der Ration senken möchte, ohne gleichzeitig die Fresszeit zusammenzustreichen.
Mein Plädoyer: Vielleicht ist also gar nicht das Stroh das große Problem.
Vielleicht ist das Problem eher, dass wir bei Stroh seit Jahrzehnten sehr genau hinschauen – und bei Heu manchmal schon mit der Diagnose zufrieden sind:
Ist Heu. Wird schon passen.
Nach diesem Kreuzverhör würde ich zumindest sagen:
Ganz so einfach ist der Fall nicht.
Und wenn du noch mehr wissen willst über die Strohfütterung, was passiert, wenn dein Pferd regelmäßig Stroh frisst und vieles mehr, schau einfach in die anderen Blogbeiträge rein. Z.B. hier:
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