Darmprobleme beim Pferd? Das Mikrobiom ist der Schlüssel

Steffi Ulrich • 20. März 2026

So „programmierst“ du das Mikrobiom wieder zur natürlichen Darmgesundheit


Kotwasser, Durchfall, ein empfindlicher Darm oder immer wiederkehrende Verdauungsprobleme – viele Pferde reagieren sensibel, obwohl sie scheinbar „ganz normal“ gefüttert werden.


Oft wird dann an einzelnen Stellschrauben gedreht: anderes Heu, Ergänzungsfuttermittel, Darmsanierung (der Markt für Darmprodukte boomt), vielleicht ein neues Mineralfutter.


Und trotzdem gehen die Probleme nicht dauerhaft weg.


Der übersehene Schlüssel: Ein gesunder Darm braucht ein starkes Mikrobiom


Was dabei leicht übersehen wird:


  • Der Schlüssel liegt nicht nur im Futter selbst – sondern im Mikrobiom des Pferdes.


Im Darm sitzt ein hochkomplexes System aus Milliarden von Mikroorganismen, das darüber entscheidet, wie gut ein Pferd Futter verwerten kann, wie stabil seine Verdauung läuft – und wie flexibel es auf Veränderungen reagiert. Und ja, auch wie gesund ein Pferd ist.

 

Denn auch bei Pferden gilt: 90 % des Immunsystems werden über den Darm gesteuert. Gerät dieses System aus dem Gleichgewicht. (Dysbiose), können selbst eigentlich gut verträgliche Futtermittel plötzlich Probleme machen.


Und genau hier lohnt ein Perspektivwechsel:


  • Nicht nur was wir füttern, ist entscheidend sondern woran der Darm gewöhnt ist


Vorbild Natur: So ernähren sich Pferde in der Natur


Um das Thema Fütterung wirklich zu verstehen, müssen wir uns anschauen, wie sich ein Pferd ernährt, wenn es die Möglichkeit dazu hat.

In seiner ursprünglichen Umgebung sehen wir das Pferd nicht auf saftigen, gleichmäßigen Weiden. Sondern wir sehen einen Dauerfresser in kargen und vor allem abwechslungsreichen Landschaften. Steppen, Halbwüsten und offene Grasländer bieten kein üppiges Futter, sondern eine vielfältige, strukturreiche Mischung aus trockenen Gräsern, kräuterreichen Pflanzen, kleine Äste, Rinde, samenhaltige Anteile und auch strohartige Halme in unterschiedlichen Reifestadien.


Und dabei fällt vor allem eines auf: Vielfalt bedeutet mehr als nur verschiedene Pflanzen


Pferde fressen in freier Wildbahn keine einheitliche Ration. Sondern Pflanzen, die sich stark in ihrer Struktur unterscheiden.

Manche sind weich und leicht verdaulich. Andere sind trocken, faserreich und auch verholzt.


Und genau diese Vielfalt sorgt dafür, dass der Darm ständig mit unterschiedlichen Faserstrukturen arbeiten muss.


Und genau das trainiert das Mikrobiom auf Vielfalt.


Die moderne Fütterung hingegen -  vor allem die reine Heufütterung und im Sommer Weide - zeigen ein ganz anderes Bild:

Die Typische Ration besteht aus hauptsächlich Heu, weichem Gras im Sommer.  Heu und Gras oft aus leistungsorientierten Gräsermischungen und insgesamt keine oder wenig  Strukturvariation.


Das heißt, die Faserstruktur ist gleichförmig. Das Mikrobiom bekommt immer den gleichen Input und verarmt.


Das ist ein bisschen wie bei einem Kleinkind, das in einer sterilen Umgebung aufwächst und nicht mit unterschiedlichen Mikroorganismen in Kontakt kommt.

So kann es kein gutes Immunsystem entwickeln.


Beim Pferd passiert bei einer einseitigen Fütterung im Darm etwas Ähnliches:


Fehlt die Vielfalt an Faserstrukturen, fehlt auch der Anreiz für das Mikrobiom, entsprechend vielfältige Bakterienstämme zu entwickeln.

Und genau hier beginnen viele Darmprobleme beim Pferd.


Der Denkfehler hinter der reinen Heufütterung


Ich mag Heu. Heu ist ein wundervolles Pferdefutter. Aber nicht als alleinigen Faserlieferant.

Heu gilt zu Recht als sicheres, gut verträgliches Grundfutter.


Und die Idee der 24/7-Heufütterung war auch teilweise gut gedacht – aber aus Sicht eines starken Mikrobioms nicht zu Ende gedacht.


Und als sich dieses System in den 90er Jahren etablierte, war Heu oft tatsächlich noch nahezu ideal:


hohe Artenvielfalt, ausgewogenes Nährstoffprofil und gute Verdaulichkeit.


Und so dachte man: „Füttere einfach Heu und dein Pferd ist rundum gut ernährt.


Gäbe es da nicht einen entscheidenden Punkt, der übersehen wurde.


Pferde brauchen nicht nur Artenvielfalt, sondern auch Strukturvielfalt


Pferde brauchen nicht nur eine Vielfalt an Pflanzen – sondern auch eine Vielfalt an Struktur.


Zum Beispiel:

  • junges Gras → leicht verdauliche Zellulose
  • ältere Halme → mehr Hemizellulose
  • trockene Pflanzen → mehr Lignin
  • Zweige → stark lignifiziert


Und genau diese Mischung schafft Raum für die notwendige Mikrobenvielfalt im Dickdarm.


Du bist was du isst – gilt auch für Pferde!


Kurz: Das Mikrobiom braucht „Anreize“


Das Mikrobiom ist ein eigener Mikrokosmos im Pferd. Im Blind- und Dickdarm leben:


  • Celluloseabbauer
  • Hemicelluloseabbauer
  • lignin-assoziierte Mikroben
  • Pektinabbauer
  • Stärkeabbauer


Wenn ein Pferd also dauerhaft nur Heu frisst, dann ist das Mikrobiom immer mit der gleichen Struktur konfrontiert. Gleiche Faserarten und gleiche Anforderungen.


Das Ergebnis ist ein Mikrobiom, das mit der Zeit verarmt und mit Veränderungen – etwa dem Wechsel von Weide zu Heu oder dem Einsatz ligninhaltiger Futtermittel – überfordert ist.


Und hier ist dann nicht Lignin das Problem, sondern ein verarmtes Mikrobiom.


Ja, Lignin ist schwer verdaulich, energiearm. Aber richtig eingesetzt liefert es wertvolle Struktur, verlangsamt die Fermentation, erhöht die Kauzeit, schafft mikrobielle Nischen und stabilisiert den Darm. Vorausgesetzt, das Mikrobiom ist darauf vorbereitet.


Was tun bei Darmproblemen?


Hier ist Geduld gefragt. Ein stabiles Mikrobiom baut man nicht mit kurzfristigen Maßnahmen auf.  Und auch nicht mit immer neuen „Wunderpulvern“.


Sondern über das, was das Pferd täglich bekommt: Raufutter und unterschiedliche Strukturen, um die Microbenvielfalt zu fördern.


Ein gesundes Mikrobiom entsteht durch: unterschiedliche Faserstrukturen, natürliche Vielfalt, langsame Anpassung und die richtigen Bedingungen.

Und diese sind von Pferd zu Pferd unterschiedlich. Bitte versteht, dass ich hier keine konkreten Tipps gebe.. Pauschale Fütterungstipps greifen hier zu kurz. Eine sinnvolle Anpassung setzt immer voraus, dass man die individuelle Situation des Pferdes genau kennt.


Wie anpassungsfähig der Pferdedarm ist, zeigt auch der Blick nach Südspanien


Dort werden Pferde traditionell gefüttert mit:

  • Stroh
  • Luzerne
  • Garba de avena (ungedroschenes Haferstroh)


Und das funktioniert. Die Pferde leben nicht nur davon, sondern kommen mit diesen Raufuttersorten auch gut zurecht.

Weil ihr Mikrobiom genau darauf angepasst ist.


Natürlich gibt es auch in Südspanien Darmprobleme.


Aber sie entstehen oft nicht durch zu wenig Struktur, sondern durch:


  • fehlende Mineralisierung
  • zu wenig Eiweiß oder auch zu viel. Zum Beispiel durch zu große Mengen an Luzerneheu
  • Zu viel ungeeignetes Kraftfutter
  • Zu viel Kleie
  • zu viel Garba
  • und teilweise auch mangelhafte Futterqualität und Schimmelbelastung. Z.B. bei draußen gelagerten Ballen ohne geeignete Abdeckung.


Meine Erfahrung aus der Praxis und meine eigenen Pferde


Meine eigenen Pferde leben zu einem großen Teil von strukturreichem Raufutter:


  • Stroh rund um die Uhr
  • ergänzt durch Heu und Luzerne
  • Teilweise Garba als strukturreiche Ergänzung


Meine Pferde haben keine Darmprobleme mehr. Und ich konnte bereits mehreren Pferden mit chronischem Kotwasser oder Magenproblemen helfen – nicht durch Zusätze, sondern durch angepasste Fütterung. Denn entscheidend ist nicht das einzelne Futtermittel, sondern die richtige Kombination und Raufasern.


Ich hoffe mit diesem Artikel etwas Klarheit und vielleicht auch einen Perspektivenwechsel ermöglicht zu haben.

Es geht mir auch nicht darum, ein Futtermittel zum „Heilsbringer“ zu machen. Sondern um das Verständnis dafür, was das Pferd wirklich braucht.


Nämlich vielfalt auch hinsichtlich Struktur.

Und vor allem: Die Chance, dass sich sein Mikrobiom entwickeln kann. Denn Gesundheit beginnt im Darm.


Two dark equines, likely a horse and a mule, graze on hay.
von Steffi Ulrich 22. Dezember 2025
¿Sabías que los caballos pueden producir su propio azúcar a partir del heno y la paja? Descubre cómo y por qué la alimentación rica en fibra es tan importante.
Two dark equines, one a mule, eating hay outdoors.
von Steffi Ulrich 22. Dezember 2025
Wusstest du, dass Pferde aus Heu und Stroh selbst gesunden Zucker herstellen? Hier erfährst du, wie das geht, und warum strukturreiche Fütterung so wichtig ist.
Horse with Cushing's disease, comparing before and after fur textures. Text discusses adapted nutrition for management.
von Steffi Ulrich 21. Dezember 2025
Un cambio de pelo inusual en el pony Duca plantea la pregunta: ¿PPID o problema metabólico? Una historia sobre observar antes de medicar.