Kotwasser: Warum so viele Pferde betroffen sind – und warum ich als Beraterin zuerst auf die Raufutterversorgung schaue
Warum so viele Pferde Kotwasser haben und warum das Raufutter die am meisten übersehene Stellschraube zur Gesundung ist
Kotwasser ist für viele Pferdebesitzer sehr belastend und wird nicht selten zum Dauerthema. Manche suchen jahrelang nach der Ursache, probieren Mittelchen aus, bestellen Pulver, Kräutermischungen, Magenpräparate – und bekommen das Problem dennoch nicht in den Griff.
Noch frustrierender: Manche Pferde haben sogar chronisches Kotwasser, ohne dass es einen offensichtlichen medizinischen Befund gibt.
Doch der wichtigsten Frage wird oft nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt:
Stimmt die Raufutterversorgung überhaupt?
Denn genau hier liegt in der Praxis die häufigste Ursache.
1. Warum Kotwasser so oft vom Raufutter kommt
Viele Pferde bekommen heute:
- Heu mit zu hohem Eiweißgehalt
- Heu mit zu wenig strukturwirksamer Faser
- Heu, das zu früh geerntet wurde
- Heu aus artenarmen Intensivwiesen
- Heu, das hygienisch nicht optimal ist (Staub, mikrobiell belastet, Schimmelsporen, Gärfehler)
Diese Probleme betreffen nicht nur Mallorca, sondern zunehmend auch Deutschland – denn durch moderne Wiesen, Klima, Düngung und frühe Schnitte ist gutes, strukturreiches Heu nicht mehr selbstverständlich.
Wenn die Struktur im Raufutter nicht stimmt, leidet die gesamte Verdauung:
- Der Dickdarm arbeitet nicht gleichmäßig.
- Die Wasserregulation funktioniert nicht mehr.
- Die Darmflora gerät aus dem Gleichgewicht.
- Es kommt zu Kotwasser, Blähbauch, „Platschhaufen“ oder schwankenden Kotkonsistenzen.
Viele versuchen dann, gegen den Durchfall mit Heucobs zu arbeiten. Doch hier kommt der wichtigste Punkt:
2. Heucobs haben zu wenig Struktur – sie können das Problem sogar verstärken
Heucobs können
Raufutter ergänzen – aber sie
ersetzen kein strukturreiches Heu.
Warum?
- Die Fasern sind zu kurz.
- Es fehlt die mechanische Reibung im Dickdarm.
- Die Kautätigkeit ist geringer.
- Der pH-Wert im Darm kann stärker schwanken.
- Die Wasserbindung ist anders als bei langen Fasern.
Viele Pferde mit Kotwasser reagieren auf Heucobs sogar mit noch mehr Kotwasser, weil dem Darm die langen Fasern fehlen, um die Wasserbalance zu regulieren.
Darum lautet die erste Frage immer:
Hat das Pferd genügend strukturreiches, langfaseriges Raufutter?
Wenn nicht – wird es schwer, das Kotwasser dauerhaft zu stoppen.
3. Stroh – die unterschätzte Hilfe bei Kotwasser
Stroh ist eines der
effektivsten, aber oft übersehenen Mittel, um Kotwasser zu verbessern.
Warum?
Stroh…
- verlängert die Fresszeiten,
- liefert extrem viel Struktur,
- entlastet den Stoffwechsel,
- stabilisiert die Darmflora,
- gleicht zu hohe Eiweißgehalte aus dem Heu aus,
- hilft gegen Magenübersäuerung,
- sorgt für konstantere Darmpassagen.
Besonders wenn Pferde:
- zu viel Heu bekommen (Eiweißüberschuss),
- zu wenig Heu haben (Fresspausen),
- Heu von mangelhafter Qualität fressen müssen,
- an zeitgesteuerten Raufen stehen,
- stark stressempfindlich sind,
- oder in einem Stall leben, in dem Heu nur bestimmte Zeiten zur Verfügung steht,
kann Stroh ein echter Gamechanger sein.
Aber wichtig:
Stroh ersetzt nicht alles auf einmal.
Man steigt
schrittweise um – poc a poc – wie wir auf Mallorca sagen.
Viele Pferde, die auf einem zu hohen Eiweißlevel laufen, reagieren sogar innerhalb weniger Tage mit deutlich weniger Kotwasser.
4. Raufutter aufwerten – wenn das Heu nicht perfekt ist
Wenn die Heuqualität schwierig ist, gibt es zwei großartige Bausteine, um die Ration aufzuwerten:
4.1 Esparsette
- Tanninreich
- Fördert ein stabiles Darmmilieu
- Unterstützt die Schleimhaut
- Bindet Toxine
- Perfekt in Kombination mit Stroh und Heu
4.2 Luzerne (als Heu oder Pellets)
- Eiweißreich, aber extrem strukturwirksam
- Liefert Calcium
- Sehr gute Ergänzung zu strohbetonten Rationen
- Hilft Kolikpferden, Magengeschwürpferden und dünnen Pferden
Kombinationen wie:
- Stroh + Heu
- Heu + Esparsette
- Stroh + Luzerne
- Heu + Stroh + Esparsette
sind in der Praxis oft stabiler als reine Heurationen – vor allem, wenn das Heu schwierig ist.
5. Warum „trockener füttern“ oder „Salzstein wegnehmen“ Unsinn sein kann
Viele Besitzer versuchen folgende Dinge, sobald Kotwasser auftaucht:
- Salz reduzieren oder wegnehmen
- „trockene“ Futtermittel geben
- Stroh entziehen
- Möhren verbieten
- Öl wegnehmen
Das Problem:
Der Verdauungstrakt arbeitet NUR stabil, wenn genug Wasser verfügbar ist.
Pferde brauchen Salz, um:
- Wasser im Körper zu halten,
- die Darmfunktion zu regulieren,
- den Elektrolythaushalt stabil zu halten.
Salz wegzunehmen verschlechtert die Situation in den meisten Fällen.
Auch „trockener füttern“ bringt nichts – denn Kotwasser ist
kein Durchfall.
Es ist eine
Wasserregulationsstörung im hinteren Darmabschnitt.
Und dafür braucht der Darm
Struktur, nicht Trockenheit.
6. Wo Kotwasser entsteht – und warum es so viele Auslöser gibt
Kotwasser kann entstehen durch:
6.1 Magenprobleme
- Magengeschwür
- Übersäuerung
- Stress
- zu lange Fresspausen
- oder: zu viel Eiweiß im Heu
Dazu kommt: Viele Pferde mit Magenproblemen entwickeln sekundär Kotwasser.
6.2 Dünndarm
- Dysbiosen
- Futterumstellungen
- zu viel Stärke
- Eiweißüberschuss
- Entzündungen
- Folgeschäden nach Wurmkuren
6.3 Dickdarm
Hier entsteht das eigentliche Kotwasser – nämlich im Bereich, der Wasser aufnimmt und reguliert.
Mögliche Auslöser:
- mangelnde Struktur
- zu feines Futter
- schlechte Heuqualität
- ungünstige Darmflora
- Stress (Cortisol!)
- Toxine (z. B. Schimmel im Heu)
- Entzündungen
- Antibiotika
- Parasiten
7. Typische, oft übersehene Auslöser für Kotwasser
Viele Pferdebesitzer wissen nicht, dass folgende Dinge Kotwasser auslösen können:
- Knoblauch (Magenreizend!)
- Bierhefe (bei manchen Pferden → Gasbildung)
- Silage (zu feucht, zu sauer)
- Müsli mit Melasse
- Zuviel Öl (kann zu einer schnelleren Darmpassage führen)
- Stress durch Herdenwechsel
- zu frühes oder hartes Training
- Zahnprobleme
- schlecht angepasste Kräutermischungen
- zu viel Mash
- Futtermilben
- plötzlicher Heuwechsel
- Heu aus sehr spätem Schnitt (zu holzig)
Für viele überraschend:
Knoblauch ist einer der häufigsten versteckten Auslöser für Kotwasser.
8. Was man als Pferdebesitzer wirklich tun sollte
1. Heuqualität kritisch überprüfen
Geruch, Schnittzeitpunkt, Struktur, Pflanzenvielfalt.
2. Fresszeiten verlängern
Mindestens 14–18 Stunden pro Tag.
3. Stroh kontrolliert integrieren
Langsam steigern, besonders bei Wechsel auf stärker strukturierte Rationen.
4. Darmflora unterstützen
Je nach Pferd: Esparsette, Leinsamen, Aloe vera, Pektine, wenig Stärke.
5. Stress minimieren
Auslauf, Sozialkontakt, feste Routinen.
6. Magen nicht vergessen
Viele „Darm-Pferde“ sind eigentlich „Magen-Pferde“.
Fazit: In der Praxis kommt Kotwasser zu 80 % vom Raufutter – und Stroh kann ein echter Wendepunkt sein
Bevor du Zusatzfutter kaufst, Pulver ausprobierst oder auf Verdacht Kräuter gibst, lohnt sich ein Blick auf das Einfachste:
- Stimmt die Struktur?
- Stimmen die Fresszeiten?
- Ist das Heu wirklich gut?
Und wenn nicht:
Stroh, Esparsette und Luzerne sind oft genau die Bausteine, die fehlen.
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