Stroh als natürliches Präbiotikum

Steffi Ulrich • 24. März 2026

Was im Darm passiert, wenn dein Pferd regelmäßig Stroh frisst

Unterschätzt, vergessen und verbannt - aber richtig eingesetzt kann Stroh zum Gamechanger für die Darmgesundheit deines Pferdes werden


Viele Pferde bekommen heute bewusst kein Stroh mehr. Aus Vorsicht. Aus Angst vor Koliken. Oder weil man gehört hat, dass es „nicht gut“ sei.

Und viele glauben: Stroh ist Einstreu. Potenziell gefährlich. Kann Koliken verursachen.

Doch das war nicht immer so.

Von der Antike bis weit in die Neuzeit – gehörte Stroh ganz selbstverständlich zur täglichen Fütterung von Pferden.


Moderne Fütterung mit Heu als alleinigem Raufutter: Hinsichtlich Strukturvielfalt zu monoton?


Eine monotone Fütterung, wie wir sie heute kennen, gab es früher nicht. Die Pferde wurden gefüttert mit dem, was verfügbar war. Stroh, Heu, Weide, Hafer, Hülsenfrüchte - -  und das ist ein sehr wichtiger Punkt, wenn man sich die heutigen Verdauungsprobleme ansieht.

Denn auch wenn manche Pferdeweiden und Heusorten noch verschiedene Gras- und Kräutersorten beinhalten. Hinsichtlich der STRUKTUR ist es eine sehr monotone Fütterung.


Wie es zu 24/7 Heu kam – und warum das heute ein Problem ist


In den 90er-Jahren galt Heu – in seiner damaligen Qualität – als nahezu ideales Grundfutter: gut verdaulich, ausgewogen in Eiweiß und reich an verfügbaren Mineralstoffen, Spurenelementen und Vitaminen. Daraus entstand das Konzept der dauerhaften Heufütterung (24/7), mit dem Ziel, Magenprobleme und Koliken zu vermeiden. Gleichzeitig wurde Stroh als vermeintlich „wertlos“ und schwer verdaulich zunehmend aus der Fütterung verdrängt – aus heutiger Sicht ein entscheidender Fehler.


Denn Heu hat sich seitdem deutlich verändert: Moderne Wiesen sind intensiver genutzt, stärker gedüngt und artenärmer. Das Ergebnis ist häufig energiereicheres, einseitigeres Heu mit einem höheren Anteil an Hochleistungsgräsern und nicht selten Belastungen durch Giftpflanzen. Parallel dazu nehmen Probleme wie Übergewicht, Stoffwechselstörungen (EMS), Hufrehe und Verdauungsprobleme sichtbar zu.

Ein Blick nach Südeuropa zeigt ein anderes Bild: In Regionen wie Südspanien oder auf den Balearen ist Stroh nie aus der Fütterung verschwunden. Oft bildet es – kombiniert mit Luzerne, Getreide oder der ganzen Haferpflanze – bis heute die Basis der Ration. Auffällig ist dabei, dass typische Probleme wie EMS oder Hufrehe dort deutlich seltener auftreten. Und genau hier stellt sich die entscheidende Frage: Liegt es nur an Energie, Zucker und Stärke – oder passiert noch etwas, wenn Pferde regelmäßig Stroh fressen?


Stroh ein natürliches Präbiotikum für Pferde?


Was im Darm passiert, wenn dein Pferd Stroh frisst

Wenn Futter im Dickdarm des Pferdes ankommt, beginnt ein Prozess, der weit mehr ist als „Verdauung“. Hier entscheidet sich, wie stabil, wie flexibel und wie belastbar das gesamte System arbeitet.

Denn im Dickdarm wird nicht einfach Futter verarbeitet – hier wird es fermentiert.


Und Stroh ist eine echte Herausforderung für den Pferdedarm. Denn Stroh besteht nicht nur aus Zellulose.


Es ist ein komplexes Gefüge aus:


  • Zellulose
  • Hemizellulose
  • und vor allem: Lignin


Lignin wirkt wie eine Art „Schutzmantel“ um die verwertbaren Fasern. Es erschwert den Zugriff der Mikroorganismen. Es verlangsamt den gesamten Abbauprozess. Und es verändert die Dynamik der Fermentation grundlegend.


Das bedeutet: Der Darm kann Stroh nicht einfach „schnell verwerten“. Er muss sich darauf einstellen.


Welche Mikroorganismen bei der Fütterung von Stroh aktiv werden


Im Dickdarm leben unterschiedliche Gruppen von Mikroorganismen, die auf verschiedene Substrate spezialisiert sind. Mehr dazu auch in meinem Artikel zum Mikrobiom.


Bei leicht verdaulichen Fasern dominieren:


  • schnell arbeitende, leicht verfügbare Faserverwerter


Bei ligninreichen Strukturen wie Stroh hingegen:


  • werden spezialisiertere, langsam arbeitende Mikroorganismen aktiv
  • Mikroben, die auch mit komplexeren Strukturen umgehen können


Das hat zwei Effekte:


  • Die mikrobielle Vielfalt wird gefordert
  • weniger dominante Gruppen bekommen „Arbeit“

Der entscheidende Unterschied: Geschwindigkeit


Heu wird im Vergleich zu Stroh: schneller fermentiert,  schneller umgesetzt und liefert schneller Energie.


Stroh dagegen: wird langsamer aufgeschlossen, verlängert die Verweildauer im Dickdarm und sorgt für eine gleichmäßigere Fermentationskurve.

Und genau diese Geschwindigkeit ist entscheidend.


Bei der Fermentation entstehen sogenannte flüchtige Fettsäuren (z. B. Acetat, Propionat, Butyrat).


Diese sind: eine wichtige Energiequelle für das Pferd aber auch Signalstoffe


Denn sie wirken direkt auf die Darmschleimhaut, die Mikrobenpopulation und das Nervensystem des Darms. Denn die Darmwand ist nicht nur eine passive Oberfläche. Sie ist durchzogen von Nerven. Diese reagieren auf Dehnung (durch Futtervolumen), chemische Signale (z. B. aus der Fermentation) und mikrobielle Aktivität.


Wenn die Fermentation gleichmäßig und ruhig abläuft:


  • entstehen kontinuierliche Signale
  • die Darmbewegung bleibt stabil
  • die Passage wird harmonischer


Wenn sie hingegen schnell, ungleichmäßig oder „spitz“ verläuft:


  • entstehen stärkere Schwankungen
  • die Darmbewegung kann unruhiger werden


Warum genau hier Stroh eine besondere Rolle spielt


Stroh bringt keine „schnellen Nährstoffe“. Aber es verändert die Geschwindigkeit der Prozesse, die beteiligten Mikroorganismen und die Reizlage im Darm


Oder anders gesagt:


Stroh zwingt das Mikrobiom dazu, langsamer, differenzierter und strukturierter zu arbeiten.


Und genau das ist der Punkt, an dem viele moderne Rationen an ihre Grenzen kommen. Ein Darm, der nur mit leicht zugänglichen Fasern arbeitet, funktioniert.

Aber er arbeitet schneller, einseitiger auf Mikrobenseite und unterliegt stärkeren Schwankungen.


Ein Darm, der regelmäßig auch mit strukturreichen, schwerer zugänglichen Fasern konfrontiert ist entwickelt mehr Vielfalt, mehr Stabilität und „lernt“ sich besser an die verschiedenen Faserstrukturen anzupassen.


Stroh in der Pferdefütterung entspricht viel mehr der naturnahen Fütterung, als viele glauben


Denn in der Natur frisst ein Pferd nicht nur „weiches, leicht verdauliches Material“.


Sondern es frisst:


  • unterschiedliche Faserlängen
  • unterschiedliche Festigkeiten
  • unterschiedliche Verdaulichkeiten


Und genau diese Unterschiede sind es, die den Darm fordern und fördern. Viele haben aber nicht die Möglichkeiten, ihre Pferde in weitläufigen Weiden mit Sträuchern und Bäumen zu halten. Doch mit Stroh kann man einen guten Teil genau dieser Anforderungen an den Pferdedarm zurück in die Fütterung bringen.


Verbindung zum Immunsystem – warum der Darm auch als Sitz des Immunsystems bezeichnet wird


Der Darm ist nicht nur für die Verdauung zuständig. Denn ein großer Teil des Immunsystems sitzt genau hier. Die Darmschleimhaut bildet eine Art Grenze zwischen Außenwelt und Körperinnerem. Alles, was ein Pferd frisst, muss hier „geprüft“ werden. Und dabei spielt die mikrobielle Aktivität eine entscheidende Rolle.


  • Eine stabile, vielfältige Darmflora unterstützt diese Barriere
  • Sie hilft, unerwünschte Stoffe abzuwehren
  • Und sie reguliert entzündliche Prozesse im Körper


Wenn der Darm gleichmäßig arbeitet, ruhig fermentiert und ein starkes Mikrobiom besitzt, wirkt sich das auch direkt auf das Immunsystem aus.


Kotwasser – wenn das Gleichgewicht kippt


Kotwasser ist ein gutes Beispiel dafür, wie sensibel dieses System ist. Es entsteht oft nicht durch einen einzelnen Auslöser, sondern durch ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren:


  • Stress
  • Fütterung
  • Mikrobielles Ungleichgewicht
  • Struktur der Ration


Wenn die Fermentation im Darm nicht mehr gleichmäßig abläuft, kann es zu Verschiebungen kommen.

Die Folge: Flüssigkeit wird nicht mehr richtig gebunden, die Darmbewegung wird unruhiger und Kot und Wasser trennen sich. Mehr dazu auch in meinem Blogartikel über Kotwasser beim Pferd. 


Dysbiose – wenn die Balance gekippt ist


Dysbiose bedeutet: Das Gleichgewicht der Mikroorganismen im Darm ist gestört. Das kann sich in diversen Verdauungsproblemen zeigen, auch Blähungen und Leistungsprobleme gehören dazu. Dysbiosen entstehen oft schleichend. Durch falsche Fütterung, zu viel Stärke, zu viel Getreide auf einmal aber auch durch zu leicht verdauliche Struktur, wenn das Mikrobiom nicht durch struktuelle Anreize gefordert wird und bestimmte Mikroorganismen über längere Zeit einfach nicht mehr „gebraucht“ werden. Und genau dadurch kann es passieren, dass manche Pferde auf Stroh mit Koliken reagieren. (Wenn nicht organische Gründe vorliegen)


Wenn Pferde kein Stroh verdauen können


Oft heißt es: „Hilfe mein Pferd bekommt Koliken, wenn es Stroh frisst!“ Aber die spannendere Frage ist: Konnte es das früher einmal?

Der Darm passt sich immer an das an, was regelmäßig gefüttert wird.


Wenn über längere Zeit nur leicht verdauliches Futter angeboten wird:


  • werden bestimmte Mikroorganismen weniger aktiv
  • die Fermentation verändert sich
  • die Fähigkeit, schwer verdauliche Fasern zu verarbeiten, nimmt ab


Und genau das kann dazu führen, dass ein Pferd empfindlich auf Stroh reagiert.

Und genau deshalb ist das Thema so sensibel. Dieser Artikel soll kein Aufruf sein, jetzt einfach Stroh zu füttern.

Sondern, dieser Artikel soll vor allem eines: Verständnis schaffen. Verständnis dafür, was im Darm passiert. Verständnis dafür, warum Struktur eine Rolle spielt. Und Verständnis dafür, dass viele Probleme nicht isoliert entstehen, sondern Teil eines größeren Systems sind. Es geht nicht darum, Stroh zu verherrlichen. Und auch nicht darum, bestehende Fütterungskonzepte pauschal infrage zu stellen. Sondern darum, Zusammenhänge zu erkennen. Denn genau dort beginnt echte Veränderung.


Wenn dir dieser Artikel gefallen hat, teile ihn gerne mit Pferdebesitzern, für die er interessant sein kann. Und wenn du tiefer in die individuelle Fütterung deines Pferdes einsteigen möchtest, begleite ich dich gern im Rahmen einer persönlichen Beratung.


Und natürlich findest du viele praktische Tipps zur Pferdefütterung mit Stroh auch in meinem Buch: Keine Angst vor Stroh – das vergessene Gold der Pferdefütterung.


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